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Aragami

TEST: Rachegeist sucht seine Vergangenheit

Eben kurz zum allgemeinen Verständnis: Wir sind keine Analphabeten oder zu doof in Sachen Rechtschreibung. Und nein, bei „Aragami“ wurde beim ersten Buchstaben nicht aus Versehen das „O“ durch ein „A“ ersetzt. Und nein, das zweite „A“ soll auch kein „I“ sein. Es tut mir leid für die vielen enttäuschten Bastelfans da draußen: Hier geht‘s nicht um die fernöstliche Kunst des Papierfaltens und Fingerverknotens – auch wenn die Füchse und Schwäne echt beeindruckend sind. Zugegeben. Aber mit der „fernöstlichen Kunst des Faltens“ liegt man bei Aragami gar nicht mal so falsch. Nur dass auf fernöstlich-künstlerische Weise kein Papier gefaltet wird, sondern fernöstlich Widersacher.

Aragami im Test!

Aragami ist ein untoter Assassine. Ein Rachegeist. Und zu Beginn ein ziemlich ratloser. Er erwacht in einer fernöstlich-altertümlichen Welt und hat auf keine der altbekannten W-Fragen eine Antwort: Wer, wo, was, wie und so weiter. Zum Glück bekommt er alsbald Nachhilfe: Eine junge Frau namens Yamiko hat ihn beschworen, da sie von fernöstlich-menschlichen Bösewichten gefangen gehalten wird. Und da sie da keine Lust drauf hat, würde sie gerne wie eine holde Prinzessin befreit werden. Am liebsten natürlich vom Prinz samt Gaul. Aus Mangel an Prinzen und Gäulen tut‘s aber auch ein untoter Rachegeist, der nicht einmal weiß, wer er eigentlich ist. Oder war.

Rache für
eine Nacht

Aragami steht also vor ein paar Problemen: Yamiko ist in der Festung Kyuryu gefangen – und wie es sich für eine Festung gehört, ist das Bollwerk recht ordentlich bewacht. Problem Nr. 1. Der Faktor Zeit spielt auch noch eine Rolle, denn mit dem ersten Licht des nächsten Tages verwandelt sich der Rachegeist zurück in seinen Urstoff – oder das, was einmal vom ihm übrig blieb: Ein Häufchen Asche. Problem Nr. 2. Außerdem hat er persönliche Probleme, denn nach und nach erinnert sich der Rachegeist an seine eigene Vergangenheit – und die Erinnerungen stellen alles in Frage. Warum soll er seine paar Stunden untoter Lebenszeit in den Dienst der Rache für jemand anderen stellen?

Aragami im Test!

Man kennt das ja: Geister haben in der Regel ein klitzekleines Problem mit Licht. Aragami macht da keine Ausnahme. Und deshalb versuchen seine Widersacher – die Licht-Soldaten der Kaiho – ihn auch genau an dem wunden Punkt zu erwischen. Ihn ins rechte Licht zu rücken. Ihn zu erleuchten. Ihm ein Licht aufgehen zu lassen. Genug? Ja, ja – schon gut. Und als Schleichspiel stellt Aragami also die Herausforderung: Umgehe Gegner, Licht und Probleme und schalte sie allesamt ungesehen aus. Und bei so magischem Krimskrams wie Soldaten des Lichts oder erweckten Geistern verfügt Aragami natürlich auch über die eine oder andere Fähigkeit, die ihm die Karriere als Ein-Nacht-Killer einfacher macht.

Schattiges
Plätzchen

Denn wer versucht, einfach auf die Kaiho zuzustiefeln, um sie mit dem Katana einen Kopf kürzer zu machen, der lässt sein untotes Leben schon ganz schnell im ersten Level. Im direkten Kampf Kaiho gegen Rachegeist zieht Aragami den kürzeren. Garantiert. Er braucht ein schattiges Plätzchen, um nicht sofort entdeckt zu werden. Außerdem laden die Schatten seine Fähigkeiten auf. Mit vollem Akku kann er ungesehen von Schatten zu Schatten springen oder selbst kurzzeitig im Licht Schatten erzeugen. Sobald Aragami aber ins Licht stolpert, ist sein Fähigkeiten-Akku leer und muss sich in den Schatten neu füllen. So lange ist der Rachegeist gefährlich ungeschützt, wenn die Kaiho ihm auf die Schliche kommen.

Aragami im Test!

Und das passiert schneller, als man „Aragami“ sagen kann. Wenn er entdeckt wird oder einen leblosen Kaiho in der Gegend herumliegen lässt, schlagen die fernöstlich-menschlichen Widersacher Alarm und durchsuchen zusammengerottet die Umgebung. Überlebenschance: Gering bis gleich Null. Aragami setzt die Messlatte in Sachen Schwierigkeit knackig hoch – ohne Beobachten, Sondieren und Planen läuft hier nichts. Und auch dann reicht oft ein falscher Schritt oder eine Geräusch, um die Gegner aufzuschrecken. Wird der Rachegeist ausgeknipst, startet die aktuelle Mission vom letzten automatischen Speicherpunkt. Und die haben die Entwickler eindeutig mit der Tendenz zu Masochismus verteilt.

Rache ist
Blutwurst!

Aragami variiert, was die hübschen Levels angeht. Mal führen enge Schläuche nur von Punkt A zu Punkt B, wechseln sich dann aber mit weitläufigen Arealen ab, in denen sich massig Kaiho tummeln und verschiedene Wege möglich sind. Oft müssen in den umfangreichen Levels gleich mehrere Aufgaben erfüllt werden, die das Spiel leider nicht immer ausreichend markiert. Und so stolpert man manchmal frei nach dem Motto „Wer suchet, der findet“ durch den asiatischen Osten. Wer möchte, darf online mit einem zweiten menschlichen Rachegeist die Kaiho aus dem Weg räumen, was bei einigen der Levels mit mehreren Anlaufstellen zum Missionsziel auch bedeutend besser funktioniert.

Aragami im Test!

Bevor Aragami in eins der weitläufigen Areale schleicht, bietet das Spiel eine tolle Panoramasicht über das, was da kommt. Zum einen Zwecks Übersicht und Planung, zum anderen zum angeben. Klappt auch – Aragami kann sich wirklich sehen lassen. Die östlich-asiatische Welt versprüht einen tollen Charme, den Inszenierung und Akustik weiter tragen. Aragami und Yamiko sprechen Japanisch miteinander – der Rest der Welt muss sich mit Untertiteln begnügen. Macht aber nichts, atmosphärischer ist es so allemale. Dazu gibt es einen tollen und passenden Soundtrack, der den Szenen noch das i-Tüpfelchen verpasst. Der ist übrigens bei der deutschen Box mit beinhaltet – inklusive Artbook und Entwickler-Tagebüchern.

Pro / Con
  • tolle Inszenierung
  • gelungene Stealth-Mechaniken
  • alternative Levelverläufe
  • inklusive Online-Koop-Modus
  • 13 umfangreiche Kapitel
  • sehr fordernder Schwierigkeitsgrad
  • wenige Speicherpunkte
  • Hinweise manchmal missverständlich
Fazit
Aragami ist nicht ganz leicht, zugegeben. Sind die Kaiho erst einmal über eine Leiche gestolpert oder haben den Rockzipfel des Rachegeistes gesehen, kann man fast freiwillig den letzten Speicherpunkt laden. Also: Schleich-Noobs und Schwertkämpfer Finger weg! Etwas Geduld und Frustresistenz sollte man schon mit in den aisatischen fernen Osten nehmen. Habt ihr? Dann stürmt die Festung Kyuryu! Schleichend, natürlich! Die Fähigkeiten und Mechaniken kombinieren ein tolles Schleich-Erlebnis, das außerdem mit einer interessanten Geschichte und einer stimmigen Inszenierung punkten kann. Und wollte sich da noch irgendjemand lieber mit Origami die Finger verbiegen? Ich glaube nicht. - TA
Rating
8/10