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Bayonetta

TEST: Eine Prügel-Hexe zum verlieben

Aufgabe: Gesucht wird der Name einer Hexe, der mit “B” beginnt. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig… Der/Die Durchschnittsdeutsche dürfte jetzt eine Melodie aus glücklichen Kassettenrekorder-Kindertagen in den Ohren habe: “Bibi Blocksberg, du kleine Hexe…”. Aber nein, um das kleine Blondchen geht’s nicht. Auch wenn alle Vornamen in der Familie Blocksberg mit “B” beginnen. Die einzige Möglichkeit wäre, dass Bibi eine Schwester hat (unehelich oder so), von der vor 2009 niemand wusste. Die mit hautengen Latex-Klamotten, tödlich hohen Absätzen und einer Vorliebe für Schusswaffen aber auch eine leicht variierende Zielgruppe haben dürfte…

Bayonetta im Test!

Das Objekt der Begierde nennt sich Bayonetta. Bei manch einem Spieler leicht gesetzteren Jahrgangs dürfte es jetzt mit einem “Aahh” dämmern. Hexe und Spiel mit gleichem Namen erschienen vor sieben Jahren für die Konsolen und wurden zu dem, was man guten Mutes den “wahren Erben von Devil May Cry” nennen kann. Wen wundert’s – schließlich stammt der Actioner von PlatinumGames vom Vater der schreienden Teufelssaga höchst selbst: Hideki Kamiya. Was fehlte da also noch zum Glücklichsein? Eigentlich nichts. Zumindest den Konsoleros. Den PC-Spielern mit Tränchen im Knopfloch schon.

Sexy Hexy

Bayonetta ist also eine Hexe. Mehr noch – sie ist die letzte Überlebende eines uralten Hexenclans, der die Balance zwischen Licht, Dunkelheit und Chaos aufrecht erhielt. Sie gehörte also eindeutig zu den Guten. Zu ihrem eigenen Schutz – und dem der ganzen Welt – wurde sie allerdings einst begraben. Und heute – schlappe 500 Jahre später – steht sie wieder auf ihren zwei endlos langen Beinen. Allerdings mit ein paar Lücken im Gedächtnispalast. Aber mal ehrlich, in dem fortgeschrittenen Alter darf so etwas schon einmal vorkommen. Fortan geht’s darum die Lücken zu möblieren und nebenbei noch ein größeres Übel zu eliminieren.

Bayonetta im Test!

Dabei ist Bayonetta ein Fall für sich. Japaner stellen sich Hexen scheinbar etwas anders vor als wir prüden Europäer. Krumme Nase, Warze, spitzes Kinn, Zauberstab und Besen unterm Hintern? Ne. PlatinumGames malt das Bild eher so: Hautenges Latexkostüm, schwarze Haare und Beine bis zum Hintern (ganz ohne Besen!) und zwei verdammt großkalibrige Argumente. Im Pistolengürtel natürlich. Wo auch sonst?!? Die Entwickler haben Bayonetta auf “besonders sexy” getrimmt – oder dem, was sie so darunter verstehen. Der Stil ist eben etwas eigen – wie das bei japanischen Spielen nun mal so ist.

Hexen-Schuss

Und das gilt für das komplette Spiel. Alles ist irgendwie “völlig losgelöst von der Erde”. Aber im positiven Sinne. Denn die schwarzhaarige Hexe weiß, wie gute und vor allem gut inszenierte Action aussieht. In kleinen Arealen und schlauchigen Levels tummeln sich immer wieder Ansammlungen von Gegnern, die geplättet werden wollen. Das ganze funktioniert mit den Pistolen, Armen, Beinen und dem abgedrehten Kombo-System auch zauberhaft gut. Da gibt’s nicht nur Salven, Tritte und Schläge, auch ein paar beschworene Dämonen oder herbeigezauberte Eiserne Jungfrauen. Abgedreht? Oh ja. Spektakulär? Ein doppeltes “Oh ja!”.

Bayonetta im Test!

Dazu setzt Bayonetta – egal wann und wo – auf eine gehörige Portion Glamour und Klimbim. Macht die Hexe einen Doppelsprung gleitet sie kurz grazil mit Schmetterlingsflügeln durch die Welt, wirft ihren Widersachern im Kampf Kusshände zu und weicht ihnen im letzten Moment galant aus, was das Spiel mit einer temporären Zeitlupe honoriert. Und für die nächsten Sekunden teilt die Hexe die Gegnerwellen mit noch einem Mü mehr Stil. Das ganze macht Bayonetta alleine mit zwei Tasten möglich, mit denen die Kombos aneinander gereiht werden. Länger gedrückt wird mit den beiden Tasten geschossen. Könnte gut auf die Maustasten passen? Haben sich die Entwickler auch gedacht.

Zauberhafte
Latex-Hexe

Und haben gleich das ganze Spiel blitzsauber auf den PC gezaubert. Das fängt bei der Steuerung an, die mit der frei belegbaren Kombination aus Maus und Tastatur verdammt gut funktioniert. Nur dann, wenn Bayonetta durch Kreisdrehungen der Maus eine überdimensionale Axt schwingen soll, ist das Gamepad mit den Sticks ein wenig im Vorteil. Ansonsten punktet die PC-Version mit Auflösungen bis zu 4K (3840×2160) mit flüssigen 60 FPS. Insgesamt gibt es einige grafische Optionen, mit denen Bayonetta verdammt hübsch auf den Monitor gezaubert werden kann. Trotzdem, die sieben Jahre, die seit der ersten Veröffentlichung vergangen sind, lassen sich nicht gänzlich verbergen.

Bayonetta im Test!

Aber mögen einige Texturen nicht so ganz scharf sein oder einige Effekte überholt, Bayonetta ist eins dieser Spiele, das auch nach sieben Jahren noch als Gesamtpaket weiß, wie man schnelle, anspruchsvolle und vor allem coole Non-Stop-Action pompös, grotesk, sexy, ironisch, übertrieben, stilvoll und mit dem nötigen Bling Bling in Szene setzt. Dazu gibt es eine passend kraftvoll-kitschige Soundkulisse mit tollem Soundtrack und einer gelungenen Vertonung. Japanische Latex-Hexen sprechen übrigens gutes Englisch, wir prüden Europäer begnügen uns deshalb mit Untertiteln. Und das ist dann auch das einzige, was Bibi Blocksberg besser kann: Deutsch.

Pro / Con
  • schnelle, cool inszenierte Action
  • abgedrehter Japano-Stil
  • tolle Animationen
  • sehr gute PC-Portierung
  • gute Maus + Tastatur-Steuerung
  • Story teils etwas wirr
  • Kämpfe manchmal unübersichtlich
  • schlauchige Levels
Fazit
Fast zehn Jahre hat es gedauert, bis PC-Spieler endlich in das hautenge Latexkostüm von Bayonetta schlüpfen dürfen. Und man(n) muss sagen, das Ding macht noch immer verdammt Laune! PlatinumGames hat den Actioner wirklich blitzsauber auf den PC portiert - da gibt es nichts zu meckern. Und die schnelle, spektakuläre Action fegt noch immer grandios über den Monitor. Das eine oder andere ganz ganz leicht graue Haar in der ansonsten tiefschwarzen Mähne der Latex-Hexe verzeiht man bei dem ganzen abgedrehten sexy Bling Bling doch nur allzu gerne. Hex hex! - TA
Rating
8/10