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Conarium

TEST: Tief unter den Bergen des Wahnsinns

Glaubt man Howard Phillips Lovecraft, dann ist die Antarktis ein verdammt gefährlicher Ort. Nicht, weil es im arktischen Winter mit -60 Grad recht kühl wird. Oder weil menschenfressende Pinguine hinterhältig tanzend auf Beute lauern. Oh nein! Sondern, weil die weisse endlose Wüste aus Schnee und Eis Geheimnisse birgt, die aus der Frühgeschichte unserer guten alten Mutter Erde stammen. Und nicht nur die Expedition um Professor William Dyer von der Miskatonic-Universität kann ein Liedchen darüber trällern, dass es verdammt gefährlich sein kann, die Geheimnisse aus dem ewigen antarktischen Winterschlaf aufzuwecken.

Conarium im Test!

Frank Gilman dröhnt der Schädel. Er hat in einem engen Raum die Augen geöffnet, liegt auf einem Liegestuhl. Vor ihm auf einem Tisch steht eine seltsame Maschine, die pulsierendes Licht auf die Wände wirft. Um ihn herum stehen noch mehr Stühle, aber Frank ist allein. Er ruft. Stille. Niemand scheint ihn zu hören. Keine Antwort. Erinnerungsfragmente schwirren durch seinen Kopf: Er ist Teil der Upuaut-Expedition von Dr. Faust. Er befindet sich in der Nähe des Südpols. Aber was sollte in der Upuaut Station in der eisigen Einöde untersucht werden? Und was ist dabei passiert? Denn eines weiß er ganz sicher: Er war nicht allein.

Allein am
Südpol

In dem Moment, in dem Frank Gilman die Augen öffnet, ist man schon mittendrin. Als Protagonist wird er aus der Ego-Perspektive gesteuert – ganz Shooter-klassisch. Action steht bei Conarium aber weniger auf der Tagesordnung – ganz im Gegenteil: Stattdessen gibt’s Adventure-typische Such- und Kombinationsarbeit – gepaart mit viel Lesestoff. Denn Franks Gedächtnis ist bis auf ein paar Fragmente genauso leer wie die Station leblos. Und so ist er nicht nur auf der Suche nach den anderen Expeditionsteilnehmern, sondern auch nach dem Sinn der Upuaut-Expedition. Aber je mehr Informationen er im ewigen Eis findet, desto mehr Angst hat er vor dem, was er noch finden wird.

Conarium im Test!

Das Spiel beginnt in der Station – ohne Gedächtnis und ohne Strom. Den braucht es aber um verriegelte Türen zu öffnen, und so macht der Spieler sich auf die Suche und erkundet die Station. Dabei gibt das Spiel wenige bis keine Hinweise, alle Informationen sind als Textdokumente in der eisigen Spielwelt zu finden. Im Lauf der Kampagne sammeln sich so einige Dokumente und Texte im Journal, die auch tunlichst gelesen werden sollten. Ansonsten steht man schnell kopf- und ziellos in der wunderschönen Umgebung herum und fragt sich, wie denn nun die nächsten Schritte aussehen könnten. Wenn auch in sich logisch, lassen sich die nötigen Handlungen nicht immer logisch erschließen.

Lovecraft
lässt grüßen

Dass ein nicht funktionstüchtiger Generator Benzin benötigt, ist klar – aber auch eine der einfachsten Aufgaben im Spiel. Später müssen Schalterrätsel mit Hilfe der Aufzeichnungen geknackt, Funkfrequenzen eingestellt oder mysteriöse Apparaturen und Mechaniken der alten Wesen entschlüsselt werden. Dabei wird Frank immer wieder von verstörenden Bildern und Eingebungen geplagt, in denen Erinnerungen wiederkehren oder er von den alten Wesen bedrängt wird. Was an zwei Stellen im Spiel urplötzlich – ohne Vorwarnung und eher unpassend – in Flucht-Situationen gipfelt, die auch tödlich enden können. Fairerweise lädt das Spiel dann kurz vor der Flucht neu.

Conarium im Test!

Conarium mischt Franks Gegenwart mit spielbaren Rückblenden, die Licht auf das werfen, was vor der Expedition geschehen ist. Die sind extrem stimmig, aber auch bitter nötig, um die Handlung und die Geschehnisse zu verstehen. Das Spiel bedient sich bei der 1931 von Lovecraft verfassten Geschichte “Die Berge des Wahnsinns”, ist aber keine direkte Umsetzung des Stoffs. Zoetrop spinnt eine eigene Geschichte mit eigenen Charakteren, die aber im Lovecraftschen Universum spielt. Wer sich mit den Mythen auskennt und die Augen am und unterm Südpol ein wenig offen hält, findet immer wieder versteckte Querverweise und Details aus den Bergen des Wahnsinns und anderen Geschichten.

Beängstigend
beeindruckend

Von der Station tobt laut den gefundenen Aufzeichnungen seit Wochen ein Schneesturm, der antarktische Winter hat alles in seinem tödlichen Griff. Aber die Upuaut-Station ist ohnehin nur die Spitze des Eisbergs – alles Interessante findet sich viele hundert Meter unter der Oberfläche: Düstere und beeindruckende Tempelanlagen, dunkle Geheimnisse, Aufzeichnungen der großen Alten. Frank ist sogar mit einem kleinen U-Boot in den in den eiskalten Fluten unter dem Südpol unterwegs – immer auf der Suche nach seiner Vergangenheit. Denn auch die ist mit allem verbunden und verwoben, was in der Station und tief unter der eisigen Oberfläche so vor sich geht.

Conarium im Test!

Conarium bedient sich auch in Sachen Art-Design der Lovecraftschen Vorlage und setzt die Beschreibungen beängstigend-beeindruckend um: Egal ob in der Station, in den dunklen Tempeln im ewigen Eis, archäologischen Ausgrabungen oder einem verfallenen Herrenhaus. Alles fügt sich im Verlauf zu einem Gesamtbild – das Dank der verwendeten Unreal Engine 4 mit knackscharfen Texturen, tollem Licht- und Schattenspiel und düsterer Stimmung den Spieler in Geschehen zerrt. Dazu gibts eine starke akustische Untermalung bestehend aus einem stimmigen Soundtrack und tollen Effekten. In Sachen Inszenierung spielt das Grusel-Adventure ganz weit vorne mit.

Pro / Con
  • tolle Grusel-Atmosphäre
  • grafisch beeindruckend
  • gelungener Lovecraft-Stil
  • stimmungsvoller Soundtrack
  • viele versteckte Extras und Querverweise
  • deplatzierte Fluchteinlagen
  • kurze Spielzeit (4 Stunden)
  • sehr viel Lesestoff
Fazit
Ich oute mich als Lovecraft-Fan. Seine Geschichten oder Adaptionen davon - ganz egal. Mein Liebling ist “Die Berge des Wahnsinns”. Und so hatte Conarium schon vorab einen kleinen Stein bei mir im Brett. Aber fernab dessen - das Grusel-Adventure überzeugt! Es ist angenehm düster und stimmig, die Atmosphäre knackig und subtil-gruselig-fesselnd - bis zu den beiden alternativen Enden. Ich bin nur über die beiden Flucht-Situationen gestolpert, die nicht so recht ins übrige Gameplay passen. Aber summa summarum ist Conarium - nicht zuletzt visuell - ein tolles Erlebnis a la H.P. Lovecraft. - TA
Rating
7/10