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Die Säulen der Erde

TEST: Das erste Buch des Historie-Abenteuers

Es gibt ein paar Bücher auf der Welt, die sollte man gelesen haben. Und nein, ich rede hier nicht von so gehaltvollen Machwerken wie “Feuchtgebiete”, bei denen es wider erwarten NICHT um entsprechend nasse Moorlandschaften in Norddeutschland geht. Auch wenn es mindestens ebenso schlüpfrig ist… Ich spreche von Literatur, die eine gewissen Anspruch in sich birgt, und trotzdem spannend zu lesen ist. Anno 1989 ist Ken Follett mit dem historischen Roman “Die Säulen der Erde” ein solches Stück Literatur gelungen und seitdem auch mehrfach adaptiert worden – nur noch nicht als Spiel.

DIE SÄULEN DER ERDE: AUS DER ASCHE im Test!

Warum? Gute Frage. Scheinbar hat man sich die bei Daedalic Entertainment in Hamburg auch gefragt und kurzerhand beschlossen, das zu ändern. Und so hat man sich bei  Deutschlands Adventure-Schmiede Nr. 1 daran gemacht, den 1.200 Seiten starken Wälzer in drei Teile zu zerlegen und spielbar zu machen. Aber ganz Daedalic-untypisch nicht als Adventure, Die Säulen der Erde wurde als “spielbarer Roman” angekündigt. Und was genau soll das sein? Zweite gute Frage. Im Grunde eine Art Adventure, bei dem man vor allem an dem gespart hat, was ein Adventure zum Adventure macht.

Geschichte
erleben

Spieler sollen sich nicht den Kopf zerbrechen, um die im mittelalterlichen England des 12. Jahrhunderts angesiedelte Geschichte voranzutreiben, sie sollen die Handlung erleben. Daher gibt es in Die Säulen der Erde höchstens Aufgaben der Marke “Adventure very light”. Wenn man einen heißen Stein aus einem Feuer in ein Tuch wickelt, um ihn so überhaupt anfassen zu können, ist das in Sachen Rätseln auch schon das höchste der Gefühle. Wer mit den Säulen der Erde ein knackig-knobliges Adventure erwartet, der kann lange warten. Der interaktiv spielbare Roman will nicht mehr oder weniger, als die 1.200 Seiten Historie-Roman visuell erlebbar zu machen.

DIE SÄULEN DER ERDE: AUS DER ASCHE im Test!

Und das klappt! Nach und nach führt das Spiel drei Charaktere ein, in deren Rollen der Spieler im ersten Buch “Aus der Asche” schlüpft. Das sind der arbeitslose Baumeister Tom, der den Sinn seines Lebens darin sieht, eine Kathedrale zu bauen, der Geistliche Bruder Philipp und der kleine rothaarige Outlaw Jack. Die Geschichte des Trios beginnt unabhängig voneinander in unterschiedlichen Teilen der britischen Insel, aber es dauert (natürlich) nicht lange, bis sich ihre Wege kreuzen. Und dabei passiert eine ganze Menge: Ein Kind wird geboren, ein Prior wird gewählt, ein Krieg zieht herauf und eine große Kathedrale geht in Flammen auf. Und das meiste davon, liegt direkt in des Spielers Hand.

Die Qual
der Wahl

Die Säulen der Erde steuert sich wie ein Adventure. Per Klick wird der Protagonist von A nach B gescheucht, Objekte werden untersucht, eingesteckt und benutzt. Aber der Fokus liegt auf Unterhaltungen und massig Entscheidungen, die der Spieler meist unter Zeitdruck treffen muss. Verrate ich als Bruder Philipp einen diebischen Novizen – oder behalte ich mein Wissen lieber für mich? Egal ob moralisch unbedenklich oder verwerflich, jede Entscheidung beeinflusst zukünftige Elemente im Spiel. Und mit denen gilt es schließlich zu leben – samt Konsequenzen. Am Ende jedes der sieben Kapitel des ersten Buches werden die Entscheidungen noch einmal mit Konsequenzen aufgelistet.

DIE SÄULEN DER ERDE: AUS DER ASCHE im Test!

Ab und an müssen auch winzig kleine Geschicklichkeits-Klickereien gemeistert werden, etwa um mit Jacks Schleuder ein Reh zu erlegen. Man muss ja schließlich essen, um die sechs Stunden zu überstehen, die es dauert, “Aus der Asche” bis zum Cliffhanger zu spielen. Langeweile kommt dabei nicht auf, aufeinander aufbauend werden immer neue und umfangreichere Intrigen im mittelalterlichen England geschmiedet, die neue Charaktere und Persönlichkeiten ins Spiel bringen. Manchmal allerdings ein wenig zu unauffällig, so dass man sich fragt, wer denn nun wieder der Neue ist, der da auf der Bildfläche aufgetaucht ist.

Ist das
Kunst?

Dabei ist “Bildfläche” das richtige Stichwort. Die Säulen der Erde lässt das mittelalterliche England des 12. Jahrhunderts nicht dreidimensional aufleben, sondern ganz klassisch zweidimensional. Dabei nutzt Daedalic einen künstlerischen Stil – kein Wunder, schließlich sind alle Hintergründe von Hand gezeichnet. Und das versprüht in Zeiten der grafischen Blockbuster-Knall-Bumm-Moderne seinen ganz ganz eigenen Charme. Einziges kleines Manko bei der ganzen Geschichte: Viele der weitläufigen Schauplätze wirken insgesamt ein wenig unlebendig – etwas mehr Leben hier und da hätte es schon sein dürfen.

DIE SÄULEN DER ERDE: AUS DER ASCHE im Test!

Dafür sind die Lebenden beeindruckend. Vor allem beeindruckend vertont – was im Grunde auch für das gesamte Spiel gilt. Hier hat sich Daedalic nicht lumpen lassen und alle Charaktere – vom treibenden Protagonisten bis zum kleinsten Nebendarsteller – mit tollen Stimmen versehen, die engagiert und motiviert zu Werke gegangen sind. Komponist Tilo Alpermann hat gleichgezogen und eine schöne musikalische Untermalung abgeliefert, die die Darstellung auf dem Monitor passend untermalt – sei es tragisch, emotional oder spannend. Alpermann und Daedalic haben das, was man eine “gesunde Beziehung” nennen kann, was man an der tollen Akustik von Silence oder The Night of the Rabbit schon früher merken konnte.

Pro / Con
  • Interessante & spannende Geschichte
  • Drei symphatische spielbare Charaktere
  • Gelungenes Erzähl-Gameplay
  • Viele sich auswirkende Entscheidungen
  • Großartige Vertonung, großartiger Soundtrack
  • Erzählung teilweise etwas verwirrend
  • Übersicht kann verloren gehen
  • Weitläufige Schauplätze etwas leblos
Fazit
Die Säulen der Erde: Aus der Asche ist der gelungene Einstieg in den interaktiven Historie-Roman von Daedalic Entertainment und Ken Follett. Vom Einstieg bis zum Cliffhanger unterhält das Spiel für gesunde sechs Stunden und strickt dabei ein Netz aus Lügen, Intrigen und Halbwahrheiten. Ab und zu stricken die Entwickler allerdings so schnell, dass man Probleme hat, dem roten Faden zu folgen. Verlieren tut man ihn aber nie. Summa summarum ist der interaktive Roman eine interessante Erfahrung, die Lust auf die nächsten beiden Bücher mit jeweils sieben Kapiteln macht. Weiter geht’s im Dezember 2017. - TA
Rating
7/10