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ECHO

TEST: Wie man in den goldenen Palast ruft…

100 Jahre sind eine ziemlich lange Zeit. Grob gerechnet etwa 36.500 Tage. Etwas genauer: 876.000 Stunden. Noch genauer: 52.560.000 Minuten. Hand aufs Herz: Eine verdammt lange Zeit. Und im Regelfall gehen 100 Jahre nicht so ganz spurlos an uns Menschen vorüber – ein paar Falten sind da nur das geringste Problem… In der Zukunft sieht das ganze etwas entspannter aus. Wer ein Jahrhundert faltenfrei inklusive gesunder Körpertemperatur überstehen möchte, der lässt sich in Stase legen und verpennt einfach mal den Fortschritt der nächsten 100 Jahre. Oder eine ansonsten öd lange Reise.

ECHO im Test!

So wie En. Nach einem Jahrhundert in Stase erreicht sie ihr Ziel: Einen endlos weit entfernten Planeten, der im Innern nichts als einen endlos großen Palast birgt. Das Wunderwerk einer Zivilisation, die schon seit Äonen vergessen ist. En hofft mithilfe uralter Technologien ein Leben wiederzuerwecken, das nicht hätte beendet werden dürfen. Oder es zumindest zu versuchen. Aber Gott zu spielen hatte seit jeher irgendwie irgendwo einen Haken. Und so stolpert En in den Tiefen des imposanten Palastes über einen Feind, mit dem sie nicht im Geringsten gerechnet hätte.

Ich und ich
und ich und…

Der durchschnitts-deutsche Arbeitnehmer, der um 5:30 Uhr in den Badezimmerspiegel starrt, kennt das Problem: Etwas Zerknittertes und Zerknautschtes starrt zurück und lässt sich nur ganz schwer bändigen – beziehungsweise auf einen öffentlichkeits- und massentauglichen Stand “zähmen”. En sieht nach 100 Jahren Stase-Schlaf zwar nicht zerknittert und zerknautscht aus, hat aber ein ganz ähnliches Problem: Ihr Feind ist sie selbst. Und das ist nicht im übertragenden Sinne gemeint, sondern wortwörtlich. Auf den Versuch von En, Gott zu spielen, hat der Palast unerwartet zickig reagiert.

ECHO im Test!

Nach und nach formen sich in endlosen, gold-weiß-barocken Fluren, Hallen und Sälen des Palastes Ebenbilder von En: Das Licht erlischt, En und der Spieler stehen im Dunklen. Wenn das Licht wieder angeht, steht En sich selbst gegenüber – und das gleich in dutzender Ausführung. Und En möchte sich selbst ans Leder. Fortan geht es darum, den endlosen Blingbling-Palast zu überleben. Dabei ist die weißhaarige junge Frau mit dem schwarzen Latexanzug nicht allein: London ist bei ihr. Nein, En hat keine ganze Metropole im Schlepptau, London ist ein Computer – und für den Spieler nur eine Stimme.

Lernen zu
überleben

Und der zweite Clou bei der ganzen Geschichte: Ens Ebenbilder – die namensgebenden Echos – lernen von ihr. Also durch die Handlungen des Spielers. Summa summarum tritt man als Spieler in ECHO gegen sich selbst an. Klingt kompliziert und frustrierend – ist es aber nicht: Im Palast gibt es helle Phasen und die tiefschwarzen Ausfälle. Während der hellen Zeit merkt sich die KI, wie der Spieler und En gehandelt haben: Türen geöffnet oder geschlossen, über Geländer gesprungen, geschlichen, Echos hinterrücks erdrosselt oder mit der Laserwaffe über den Haufen geschossen.

ECHO im Test!

Wenn’s dann dunkel und wieder hell wird, sind alle Echos wieder an ihrem Platz – und öffnen oder schließen nun auch Türen, springen über Geländer, schleichen oder ballern die originale En über den Haufen. Der Spieler reagiert auf die schlaueren Echos, und eben das merkt sich das Spiel erneut. Die Kapazität der Echos ist nicht unbegrenzt, in den folgenden hellen Phasen verlernen die dutzenden Abziehbilder wieder, was sie in der vorherigen Phase gelernt haben. So bleibt das Spiel durchweg fordernd, ohne den Echos eine überschlaue und übermächtige KI ins weiß bedeckte Hirn zu pflanzen.

Time for
Gold

Das Action-Adventure spielt annähernd komplett in den güldenen, imposanten Unreal Engine 4-Mauern des Palastes, bei dem sich Entwickler Ultra Ultra in Sachen Prunk und Protz mal so richtig ausgetobt hat. Das Szenario wird auf Dauer allerdings etwas goldig-eintönig, das Gameplay auch. En schleicht und kämpft sich durch ihre Echos, wobei sich die zwei vorhandenen Aufgaben immer wieder widerholen: Summe X blauer Energiekugeln sammeln oder Schlüssel A für Schloss B finden. Etwas mehr Abwechslung in Sachen Umgebung und Aufgaben hätten gut getan. Potenzial bieten das „KI-lernt-mit“-System und das Universum allemal!

ECHO im Test!

Die Hintergründe, wer die junge, weißhaarige Frau ist und warum sie zum Palast aufgebrochen ist, verraten die Dialoge zwischen En und London, die sich anfangs so gut verstehen, wie Feuer und Wasser. En ist impulsiv und jung, London ist realistisch und frustriert. Die Auseinandersetzungen und Annäherungen der beiden sind immer wieder ein Höhepunkt von ECHO – auch durch die tolle Vertonung, die englisch und deutsch gleich gut gelungen ist. Allerdings leidet die Story ein wenig unter den spielerischen Längen: Die Abschnitte, in denen sich ECHO auf die Handlung konzentriert, hätte bedeutend öfter auftreten dürfen. So wie die endlos vielen Echos.

Pro / Con
  • Forderndes "KI-lernt-mit"-System
  • Interessantes Helden-Duo En und London
  • Imposanter, pompöser Palast
  • Dichte Sci-Fi-Atmosphäre
  • Sehr gute deutsche Vertonung
  • Location nutzt sich auf Dauer ab
  • Schleicher werden schnell entdeckt
  • Nur zwei Aufgaben im Spiel
Fazit
Das Prinzip der lernenden KI von ECHO geht auf. Die so Jagd auf En macht, wie ich sie Sekunden oder Minuten vorher umgangen oder ausgeschaltet habe. Hier gilt es ein wenig nachzudenken und mit Bedacht und Taktik zu Werke zu gehen, sonst bekommt man schnell Probleme mit ich und ich und ich und ich. Etwas mehr Abwechslung in Sachen Aufgaben wäre schön gewesen, aber das Helden-Duo En und London wetzt die Schramme im Gold wieder aus. Und die surrealistische Sci-Fi-Atmosphäre, die der Palast mit viel Bling Bling auf den Monitor zaubert. - TA
Rating
8/10