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ELEX

TEST: Piranha Bytes bleibt Piranha Bytes!

Mit der Menschheit ist es doch immer das gleiche Dilemma: Sobald Mensch A etwas Glänzendes in den Händen hält, wird das Ego groß wie das Skrotum eines übertrainierten Zuchtbullen. Gefühlsstatus: König der Welt! Aber im gleichen Moment kommt einer um die Ecke, der auch König sein möchte. Also haut er seinem Kollegen A aufs Skrotum und hüpft fröhlich mit dem Glänzenden in den Sonnenuntergang. Ohne zu ahnen, dass dahinten schon irgendwo einer wartet, der ihm eins aufs Skrotum haut. Aber mit Schmackes.

Das Rollenspiel ELEX im Test!

Einmal ganz hypothetisch: Ein Meteor purzelt auf eine Welt – nenne wir sie Magalan. Sowas bleibt erfahrungsgemäß nicht ohne Folgen – in diesem Fall bleibt ein großer Teil der Menschheit auf der Strecke. Der überlebende Teil berappelt sich mit den Jahren und irgendwann kommt mal einer auf die Idee nachzuschauen, was denn damals eigentlich den ganzen Schlamassel ausgelöst hat. Und so findet man heraus, dass der Meteor ein unbekanntes, verdammt mächtiges neues Element in die Welt von Magalan gebracht hat: Das bläulich glänzende ELEX.

Macht
ist blau

Und fortan ergeht es dem ELEX wie der Atomtechnologie: Die einen möchten sie zum eigenen Vorteil nutzen und mit der blauen Macht über alle Lebewesen in Magalan herrschen. Die anderen verteufelt das ELEX und den damit verbundenen technologischen Fortschritt – ihr Bestreben ist eine Welt ohne Technologie und ohne ELEX. Schlussendlich stehe sich vier Parteien gegenüber, die ihre ganz eigenen Pläne mit dem ELEX haben – und die reichen von der unumstrittenen blauen Weltherrschaft bis zur ökologischen Nutzung, um der angeschlagenen Natur auf die Sprünge zu helfen.

Das Rollenspiel ELEX im Test!

Das blaue ELEX hat einige stimulierende Eigenschaften. Der Konsum stählt den Körper, hat aber auch Nebenwirkungen: Wer nicht komplett den Verstand verliert, der tötet auf jeden Fall seine gesamte menschliche Gefühlswelt. Denn ohne jedes Gefühl tötet es sich gleich doppelt so leicht. Deshalb sind die Alps diejenige Fraktion, die das ELEX für die eigenen machthungrigen Zwecke konsumieren. Sie wollen Magalan komplett unterjochen und die übrigen Fraktionen, die sich in der Welt tummeln, allesamt dem Erdboden gleich machen. Und unter denselben bringen. Möglichst horizontal und leblos.

Namenlos?

Und wenn die eigenen Männer dabei im Weg stehen, dann werden die halt horizontal entsorgt. Oder wie im Falle des (zugegeben – nur anfangs) namenlosen Helden mit der Kurzhaarfrisur mitsamt Gleiter vom Himmel geholt, um dann noch mit einer Salve aus nächster Nähe nachzuhelfen. Und den Kurzhaarträger von einer Klippe zu stürzen – nur so zur Sicherheit. Aber allen Abschüssen, Salven und Stürzen zum Trotz überlebt der Ex-Alp – hat aber komplett sein Gedächtnis verloren. Also irren er und der Spieler in den ersten Minuten durch eine verlassene Basis samt überdimensionaler Satellitenschüssel, um die Grundzüge zu lernen.

Das Rollenspiel ELEX im Test!

Moment. Ein namenloser Held? Das klingt doch verdächtig nach einem alten Bekannten aus der deutschen Rollenspiel-Welt. Ganz genau! Nach dem Gothic- und dem Risen-Trio ist ELEX frisches Rollenspiel-Futter aus dem Hause Piranha Bytes. Aber was haben Gleiter und Satellitenschüsseln in einem in einem Piranha Bytes-Spiel verloren?!? Überraschung! Die Entwickler aus dem ruhrpöttlichen Essen gehen einen etwas anderen Weg, als man es aus der Fantasy-Vergangenheit gewohnt ist und bezeichnen ELEX als Science-Fantasy.

Science-
Fantasy

Und was bedeutet das? Ganz einfach – ELEX ist nicht Piranha Bytes-typisch in einem puren Fantasy-Szenario zuhause – nicht nur. Vier Fraktionen stolpern durch die virtuelle Welt und könnten verschiedener nicht sein: Die Alps nutzen Gleiter und Plasmawaffen, die Berserker verabscheuen Technik und ELEX und setzen auf Rüstungen, Zauber und Schwert. Die Kleriker haben sich von den Alps abgespalten, setzen aber ebenfalls auf Plasma-Fernwaffen und Zauber. Die Outlaws erinnern etwas ans Mad Max-Endzeit-Szenario und sind Verwertungskünstler mit Prügel und Feuerwaffe.

Das Rollenspiel ELEX im Test!

An sich kann keine der Fraktionen die anderen leiden – geschweige denn, dass man sich über den Weg traut! Allerdings haben die Berserker, die Kleriker und die Outlaws einen gemeinsamen Stein im Schuh – die Alps. Und man muss ja schließlich nicht befreundet sein, um einem gemeinsamen Übel gemeinsam aufs Fressbrett zu hauen. Ob der kurzhaarige Ex-Alp zukünftig als Berserker, Kleriker oder Outlaw austeilen soll, darf man wie gewohnt selbst entscheiden. Wer sich keiner der drei Fraktionen anschließen möchte, der darf auch unparteiisch sein eigenes Süppchen kochen und immer mal wieder Aufträge für diesen oder jenen erledigen.

Ein echter
Piranha

Kaum ist ELEX gestartet und man hat die ersten Stunden in der Welt von Magalan hinter sich, merkt man schnell, wer hinter dem Spiel steckt. ELEX trägt die unverkennbare Piranha Bytes-Handschrift: Einen (zu Beginn) namenlosen Helden, eine offene, aber verdammt detailverliebte Welt und einen Umgangston, den nicht jeder unbedingt als “stubenrein” bezeichnen würde. Alles Punkte, die die Rollenspiele der Piranhas seit dem Startschuss mit Gothic im März 2001 ausmachen – und von der Masse abheben. Piranha Bytes-Rollenspiele sind irgendwie anders – im positiven Sinne! Und keine Bange, daran ändert sich auch durch die Sci-Fi-Elemente in ELEX nichts.

Das Rollenspiel ELEX im Test!

Gothicer und Risener fühlen sich in Magalan direkt zuhause. Der Ex-Alp mit der Knacki-Kurzhaarfrisur ist ein Niemand – schwach und ohne Ausrüstung. Aber mit ordentlich Wut im Bauch und dem Wunsch, es den Ex-Kollegen heimzuzahlen. Wie geht das? Ganz einfach: Durch die Welt stolpern, Aufträge erfüllen, mit den Fraktionen arbeiten, lernen, Erfahrungspunkte sammeln und aus dem namenlosen Niemand einen Jemand machen, der sich in Magalan einen Namen macht… Oder besser: Einen Ruf aufbaut. Aber bis der Ruf erst einmal Steinchen für Steinchen wächst, braucht es Piranha Bytes-typisch einen langen Atem.

Auf’s Maul?!?

Wer in jungen Grundschuljahren schon einmal Prügel bezogen hat, weiß, dass man sich besser nicht mit Älteren anlegt. Oder mit Stärkeren. Oder Älteren und Stärkeren gleichzeitig. Das endet mit einem blauen Auge. Oder in der Mülltonne hinter der Schule. Mit blauem Auge. Das Prinzip lässt sich annähernd identisch auf ELEX übernehmen: Als kurzhaariger Grundschüler mit rostigem Schwert und Arbeiterhemd hat man es verdammt schwer. Bis man im Spiel ein Charakter-Level erreicht, das ein sorgloses Angreifen aller Bösewichte möglich macht, dauert es einige Spielstunden. Und man sollte möglichst klein anfangen – mit (vermeintlich) schwächlichem Getier, das sich in Magalan tummelt.

Das Rollenspiel ELEX im Test!

Aber auch dann ist Vorsicht geboten. Mit schwachen Waffen dauern Kämpfe mitunter einige Minuten und viel Blockerei und Klopperei, bis der Gegner in horizontaler Lage den Grund und Boden verschönert. Das Muster der Kämpfe ist in den ersten Stunden ermüdend identisch – spannender wird es in den gehobeneren Charakter-Regionen. Dabei lässt ELEX dem Spieler die Wahl, wie er sich prügeln möchte: Als Berserker mit mittelalterlicher Rüstung, Schwert und Axt, als Kleriker im Fernkampf mit Energie- und Plasma-Waffen oder als Outlaw a la Mad Max mit Metallknüppeln und Flinten. Das spielt sich spürbar anders und sieht von Fraktion zu Fraktion auch anders aus.

Hol- und
Bringdienst

Wer bei den Fraktionen gut Freund sein möchte, der muss sich mit den wichtigen Köpfen der Berserker, Kleriker oder Outlaws gut stellen. Und das funktioniert wie gehabt frei nach dem Motto: “Eine Hand wäscht die andere”. Jede Fraktion hat Probleme und jede Menge zu tun – da findet sich für einen Ex-Alp ohne Gedächtnis und mit leerer Brieftasche immer etwas zu tun. Und ja, auch die Piranha-typischen “Sammel 15 mal Objekt A”-Aufgaben sind dabei. Ansonsten gibt es eine Menge abwechslungsreiche kleine und große Jobs, die erledigt werden wollen. Und das meist auf verschiedenen Wegen.

Das Rollenspiel ELEX im Test!

Für die Berserker geht’s auf die Suche nach einem Mörder in den eigenen Reihen oder für den Oberhäuptling der Outlaws in den Ring, um seine Vormachtstellung zu festigen. Wie zu besten Gothic- oder Risen-Zeiten gibt es immer minimal zwei Wege, um eine Mission zu erledigen. Meist die frontale Holzhammer-Methode oder einen subtilen Weg, der weniger Staub aufwirbelt. Und die Verästelungen ziehen sich weit durch das Spiel. Habe ich einem Bettler der Outlaws etwas Kohle zugesteckt, vergisst er mir das nicht. Und je nachdem, wie ich die Missionen weiter verfolge, bringt mich der vermeintliche Bettler in Magalan ein ganzes Stück weiter.

Ruhrpott-
Flair

Magalan ist im Grunde eine typische offene Rollenspiel-Welt aus dem Hause Piranha Bytes. Grüne und bewaldete Regionen, Berge und Täler, in denen sich die Berserker in ihrem mittelalterlichen Dorf verschanzen. Dazu gibt’s eine trockene und sonnige Wüstenlandschaft, die von den Outlaws bewohnt wird. Außerdem Bereiche mit ordentlich Schnee und Eis, wo sich die Kleriker ihre futuristische Festung ins Gestein gehauen haben. Überall gibt’s dazu ordentlich Industrie-Ruinen-Ruhrpott-Flair – wie sich das für eine Welt, die schon einmal untergegangen ist, auch gehört! Das Ausmaß von Magalan ist ordentlich, Fußmärsche von A nach B brauchen ihre Zeit. Schneller geht’s mit dem Teleporter.

Das Rollenspiel ELEX im Test!

Allerdings verpasst man dann viel von einem Aspekt, der ELEX ausmacht: Die Fülle und die Detailverliebtheit der virtuellen Welt. Wer sich die Zeit nimmt, und einfach durch die Wiesen, (Eis-) Wüsten und Wälder stiefelt, der findet hinter annähernd jedem Felsen etwas Neues, Nützliches oder Interessantes: Ein verlassenes Lager, Heilpflanzen, eine Ruine oder Kisten und Kästen, die Rüstung und Waffen beinhalten. Es macht einen Riesenspaß, durch Magalan zu irren, und die kleinen und großen Geheimnisse aufzuspüren, die sich in der weiten, verdammt hübschen Welt versteckt halten.

Pro / Con
  • Riesige, detailverliebte Spielwelt
  • Tolle Vertonung & Soundtrack
  • Abwechslungs- und umfangreiche Missionen
  • Bis zu 70 Stunden Spielzeit
  • Typisches Piranha Bytes-Feeling!
  • Gelungene Mischung aus Fantasy, Endzeit und Sci-Fi
  • Es gibt unendlich viel zu entdecken!
  • Gesalzener Schwierigkeitsgrad
  • Menüs nur zweckdienlich
Fazit
ELEX ist ein typisches Piranha Bytes-Rollenspiel. Für die einen ein Prädikat - für die anderen genau das Gegenteil. Wie Gothic und Risen ist auch ELEX nichts für den Rollenspiel-Jedermann - für 0815-Rollenspiele sind andere zuständig. Alles das, was Piranha Bytes ausmacht, ist an Bord: Ein (anfangs) namenloser Held, eine riesige, handgemachte Welt und der wenig “stubenreine” Aspekt. Der Ruhrpott-Faktor eben. Und wer Angst vor der neuen Ausrichtung “Science-Fantasy” hatte, darf aufatmen: Die Mixtur aus Fantasy-Mittelalter, Mad Max und Science-Fiction in einer Welt funktioniert - und macht ordentlich Spaß! Ich halte es mit ELEX wie McDoof: "Ich liebe es!" - TA
Rating
9/10