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Black Mirror

TEST: Der neue alte schwarze Spiegel

Hand auf’s Herz – wer hat schon einmal etwas von der “Catoptrophobie” gehört? Googlen tabu! Ich tippe mal ganz optimistisch, dass knapp 99,5 Prozent mit einem beherzten “Öhm…” oder “Watt?!?” antworten. Deshalb etwas Aufklärungsarbeit: Die Catoptrophobie ist die Angst vor Spiegeln. Und jetzt mal ehrlich – wen wundert das bitte? Wenn morgens um 5 Uhr der Wecker klingelt und ich ein paar Minuten später im Badezimmer stehe, dann kann ich das voll und ganz nachvollziehen… Ansonsten geben sich auch verdammt viele Filme alle Mühe, Spiegeln ein düster horroriges Image zu verpassen.

Das Adventure BLACK MIRROR im Test!

Spiegeln wird oft etwas Mystisches und Magisches nachgesagt: Sie sollen Tore in Zwischenwelten sein. Geister schauen aus ihnen hervor. Oder dunkle Mächte werden in ihrem Inneren gefangen gehalten. So wie dereinst im düsteren Adventure BLACK MIRROR. Etwas Nachhilfe für jüngere Jahrgänge: 2003 erschienen war das Horror-Adventure erfreulich erfolgreich und beflügelte gleich das ganze Genre – ältere Semester erinnern sich. 2009 und 2011 wurden dunkel-düstere Nachfolger mit den Nummern “2” und “3” nachgereicht, die ähnlich erfolgreich waren und die Trilogie beendeten.

Neues &
Altes

THQ Nordic und KING Art Games haben die Scherben wieder zusammengesetzt und den schwarzen Spiegel ordentlich poliert. BLACK MIRROR ist aber kein Remaster, sondern ein Reboot. Oder für die “Öhm…” oder “Watt?!?”-Fraktion: Black Mirror wurde nicht einfach technisch aufgehübscht und neu veröffentlicht, THQ Nordic und KING Art Games haben das Adventure großflächig umgekrempelt. Natürlich, BLACK MIRROR bleibt BLACK MIRROR – es bleibt düster und erwachsen und die Grundthematik des Fluchs, der auf der Familie Gordon lastet, ist auch mit an Bord. Ansonsten ändert sich aber einiges.

Das Adventure BLACK MIRROR im Test!

David Gordon kehrt in den 1920ern aus Australien zum Sitz und Ursprung seiner Familie zurück: Nach Black Mirror Castle – tief in den schottischen Highlands. Sein Vater ist unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen, er soll psychische Probleme gehabt haben. Und als nächster männlicher Angehöriger soll nun David das gesamte Anwesen mit Grund und Boden erben. “Zuhause” angekommen, begegnet man ihm keinesfalls herzlich, sondern kühl und abweisend. Allen voran die aristokratische und stolze Hausherrin, Lady Victoria Gordon. Und David merkt schnell: Blut ist nicht immer dicker als Wasser.

Adventure
light

Mit dem Reboot verabschiedet sich BLACK MIRROR von der bisherigen Point & Click-Manier und allem, was statisch dazu gehörte. Alle Locations und Charaktere sind schick detailliert und komplett dreidimensional, besonders die Lichtstimmung mit tollem Schattenspiel gefällt. Gesteuert wird David mit der Kombination aus Tastatur und der Maus und so von Hotspot zu Hotspot gescheucht. Die werden automatisch markiert, wenn er sich in unmittelbarer Nähe befindet. Mit der cineastisch ausgelegten Kamera kommt es dabei aber immer mal wieder zu Problemen mit Sicht und Handhabung.

Das Adventure BLACK MIRROR im Test!

Der Fokus liegt auf dem Spielfluss – und was das in Sachen Schwierigkeit bedeutet, sollte klar sein: Fordernde Kopfnuss-Rätsel lassen sich an genau zwei Fingern abzählen. Im Vergleich mit dem Original anno 2003 ist das Reboot eher ein “Adventure light”. Ein Beispiel? Nachts ist es im Familiensitz der Gordons recht düster, und ohne Licht mag David nicht durch die dunklen Flure stolpern. Also macht er sich in seinem Zimmer auf die Suche nach Kerzen und Streichhölzern und fühlt sich mit dem flackernden Lichtlein gewappnet, um auf Erkundungstour zu gehen. Beide Objekte müssen noch nicht einmal miteinander kombiniert werden. BLACK MIRROR setzt den Fokus ganz klar auf den Spielfluss.

Familiäre
Geheimnisse

Der Spieler und David brauchen nicht lange an der aristokratisch-stolzen Fassade der Familie Gordon zu kratzen, bis die erste Anzeichen dafür auftauchen, dass die familiäre Vergangenheit alles andere als rosig war. Und dass unter alledem ein großes, düsteres Geheimnis lauert. David sieht Erscheinungen und Geister – und zweifelt bald an seinem Verstand. Genauso, wie dereinst sein Vater… Die alte Familien-Kapelle zum Beispiel wandelt sich plötzlich in eine Unterwasserwelt-Kapelle: Algen wiegen sich, Fische schwimmen herum und eine Frau ertrinkt strampelnd in den Fluten.

Das Adventure BLACK MIRROR im Test!

In solchen surrealen Sequenzen findet David mehr über die Vergangenheit seiner Familie heraus. Er muss nah an die Erscheinungen heran, um Details und Lösungen herauszufinden. Hält er sich aber zu lange in der Nähe der Geister auf, wird er von ihnen getötet. Eigentlich eine spannende Idee, die gut ins Konzept passt, die aber leider nicht ganz aufgeht: Die Steuerung macht die ganze Situation unnötig fummelig und die geisterhafte Verwandtschaft erschlägt oder erwürgt David öfter, als es ihm oder dem Spieler lieb sein dürfte. Zum Glück gibt’s einen automatischen Speicherpunkt, der kurz vor der Erscheinung einsetzt.

Ganz schön
düster!

Wer sich auf der Suche nach dem Geheimnis von Black Mirror Castle beeilt, der weiß nach 6 Stunden Bescheid über die Vergangenheit der Familie Gordon. Aber es lohnt sich, sich ein wenig Zeit zu lassen und sich das Schloss näher anzuschauen. Erstens, weil es einfach wunderschön inszeniert ist. Und zweitens, weil man so Infos und kleine Geheimnisse entdeckt, die sonst verborgen bleiben würden. Im gesamten Spiel sind außerdem zerrissene Fotos verstreut, die sich im Menü auf typische Adventure-Puzzle-Manier zusammensetzen lassen.

Das Adventure BLACK MIRROR im Test!

BLACK MIRROR baut eine angenehme Grusel-Atmosphäre auf: Ein düsteres und heruntergekommenes Schloss in den schroffen schottischen Highlands, eine ebenso schroffe Familie Gordon und eine blutige und düstere familiäre Vergangenheit voller Geheimnisse und Geistererscheinungen. Das alles verpackt in wunderschön düstere und detaillierte Schauplätze, die sich nicht nur auf das Schloss, sondern das Umland erstrecken. Dazu gibt’s einen stimmungsvollen Soundtrack, der den typisch schottischen Aspekt musikalisch in BLACK MIRROR unterbringt. Und eine deutsche Vertonung, die passt wie die Frühmorgen-Fratze in den Spiegel.

Pro / Con
  • Angenehm düstere Stimmung!
  • Sehr detaillierte Grafik
  • Toller Soundtrack und Vertonung
  • Angenehme Spielfluss-Ausrichtung
  • Schickes Licht- und Schatten-Spiel
  • Nur 6 Stunden kurz
  • Handhabung und Kamera mit Problemen
  • Fehler mit englischer und deutscher Vertonung
Fazit
BLACK MIRROR interpretiert den schwarzen Spiegel der Seele neu. "Neu" gut oder "neu" schlecht? Auf jeden Fall "neu" anders: Story und Charaktere sind neu, das Schloss ist vom englischen Cornwall in die schottischen Highlands umgezogen. Und die spielerische Ausrichtung ist neu - weg vom Kopfnuss-Adventure zur Spielfluss-Erfahrung. Höchstens ein “Adventure light”. Aber mich persönlich störts gar nicht! Es ist düster, stimmungsvoll und sieht verdammt gut aus. Und ich erlebe lieber eine Geschichte, als sie mir zu erarbeiten. Mit dieser Erwartung machen die düsteren 6 Stunden in den umwerfend schönen Mauern von Black Mirror Castle echt Laune! - TA
Rating
7/10