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Road Rage

TEST: Auf zwei Rädern auf die Fresse

In der Games-Branche geht es mitunter etwas schnelllebig zur Sache – Entwickler-Teams kommen und gehen. Beispiele gibt’s eine Menge. Wer also 16 Jahre als Indie-Entwickler am Markt überlebt, der hat sich wohl etabliert – akzeptiert von Publishern und Spielern. Mit insgesamt 84 entwickelten Spielen auf 12 Plattformen. Qualität setzt sich eben durch! Aber Moment… Laut Adam Riese macht das bei einfachster Milchmädchenrechnung 5,25 Spiele im Jahr. Sollte man also bei Team6 Game Studios-Erzeugnissen unserer gelb nummern-beschilderten Nachbarn lieber von Quantität sprechen?

Der Actioner ROAD RAGE im Test!

Eine Frage, eine Antwort: Ein kräftig gebrülltes “JA!” in fetten Großbuchstaben samt Anführungs- und Ausrufezeichen. Alles noch adrett unterstrichen. Warum? Damit die Intention der zwei Buchstaben samt Satzzeichen auch dem letzten begriffsstutzigen IQ-Mofa-Tiefflieger klar wird. Wer sich schon länger mit Spielen beschäftigt, der hat bestimmt schon einmal den Weg einer Team6-Produktion gekreuzt. Vielleicht mit solchen Rennspiel-Perlen wie German Street Racing. Oder European Street Racing. Musste Staub schlucken und wurde jedes Mal vom Spielspaß abgehängt. Meilenweit.

Aufs Maul
aufm Mopped

Mit Rennspielen hat’s also nicht so geklappt, deshalb musste ein neues Konzept her, um sich den Frust vom Leib zu kloppen: Man nehme knallharten Jungs und Mädels, Baseballschläger, Brecheisen und Kettensägen und ordentlich auf’s Maul. Aber so ganz ohne Fahrerei mochte man dann doch nicht, kreuzte beides und fertig war DIE Idee: Knallharte Jungs und Mädels verkloppen sich mit Baseballschlägern, Brecheisen und Kettensägen – und das auf Motorrädern! Und warum machen die das? Weil die Zukunft dystopisch düster ist. Und das war’s dann auch schon in Sachen spannender Rahmenhandlung.

Der Actioner ROAD RAGE im Test!

Es war also einmal ein Lederjacken-Schläger mit Undercut auf einer Crossmaschine irgendwo in den Schluchten einer dreckigen Großstadt. Übrigens einer frei befahrbaren Großstadt, die aus mehreren abgetrennten und gesicherten Stadtteilen und etwas Umland besteht. Aber da darf der Lederjacken-Schläger mit Undercut nicht hin. Warum? Keine Ahnung. Brettert er doch durch einen Checkpoint, dann ist ein Jahrhundert-Aufgebot der Polizei hinter ihm her – mit Straßensperren, tieffliegenden Cops und SWAT-Schneeschiebern auf Krawallkurs. Übrigens wird man nicht festgenommen, sondern mit Explosion über den Haufen gefahren.

Homies
am Handy

Das erfährt man schmerzlich bei der ersten Tour durch die große Stadt. Aber keine Bange, so ein Motorrad-Schläger mit Undercut lässt sich doch von einem Polizei-Schneeschieber nicht aus der Lederkluft klopfen! Sekunden später sitzt er brav wieder auf seinem Hobel, den Baseballschläger in der Hand. Sein Handy klingelt und ein Radler-Kollege (oder Bösewicht – man weiß es nicht so ganz genau) lädt zu einem kleinen Rennen. Das passiert in einem grandios vertonten Telefonat, das wohl kriminelles Flair in die ROAD RAGE-Welt hauchen soll. Fällt aber eher in die Kategorie “überambitioniert komisch” oder “gewollt und nicht gekonnt”.

Der Actioner ROAD RAGE im Test!

Sei’s drum, der Möchtegern-Gangster kann sein Rennen haben! Worum geht’s? Mit sieben anderen Kradfahrern wird eine überschaubar kleine innerstädtische Runde vier Mal gefahren – wer als erster die Ziellinie überquert, hat’s drauf! Dabei dürfen/müssen die übrigen Fahrer ein wenig mit dem Baseballschläger massiert werden. Der Lederjacken-Schläger mit Undercut war in seinem früheren Leben wohl Physiotherapeut. Mit der Crossmaschine geht’s also vier Mal rund, während rechts und links vom eigenen Mopped die Konkurrenz vom Sozius geknüppel wird. Gesteuert wird typisch mit WASD, mit rechtem und linkem Pfeil wird der Baseballschläger geschwungen.

Traktor-
Rocker

Seit den letzten Fahrversuchen ist Team6 vom Auto aufs Zweirad umgestiegen. Und eigentlich geht man doch davon aus – wenn man die Motorradfahrer auf den bundesdeutschen Straßen so beobachtet – dass sich ein Motorrad angenehm flott fahren lässt. Fast so, als würde es Spaß machen! Ich will jetzt nicht sagen, dass ROAD RAGE diesen Aspekt beim Zweiradfahren völlig außer acht lässt. Aber wenn das Motorrad ähnlich agile Fahreigenschaften wie eine landwirtschaftliche Maschine aufweist, dann werden die Rennen eher zu einer Fingerübung denn zu einer entspannt-spannenden Motorradtour mit Prügelfaktor.

Der Actioner ROAD RAGE im Test!

Wer mit Missionen (es sind übrigens insgesamt 42 “Story”-Missionen) seine Finanzlage aufgebessert hat, der kann im Menü ins Clubhaus wechseln, wo das Geld sinnvoll investiert werden kann. Das eigene Motorrad lässt sich an vielen Stellen aufwerten und verbessern. Dumm nur: Auf der Piste merkt man davon nix. Freigeschaltete neue Maschinen, Charaktere oder Waffen lassen sich auch im Clubhaus einkaufen. Man prügelt also nicht nur als Lederjacken-Schläger mit Undercut, wahlweise auch als Motorrad-Blondine mit Barbiebemaßung oder als Uma Thurman-Verschnitt aus Kill Bill – stilecht mit gelb-schwarzem Anzug samt Katana.

Ich bin
der Präsi

Wer brav alle Rennen gewinnt und alle Gegner von den Maschinen prügelt, der steigt im Rahmen der “Story” vom Fußsoldaten zum Präsident auf und darf über die Stadt herrschen. Oder so ähnlich. Apropos Großstadt – ich muss doch noch einen Baseballschläger für Team6 und ROAD RAGE brechen: Man knattert durch eine tatsächlich ansehnliche Stadt mit verschiedenen Bereichen, die auch unterschiedlich aussehen. Alles beginnt im Armenviertel, dann gibt’s noch das hübschere Downtown, den industriellen Hafenbereich oder etwas grünes Umland. Es gibt (zugegeben strunzdumme) weitere Verkehrsteilnehmer, Passanten auf den Bürgersteigen und tieffliegende Cops auf Zweiradfahrer-Jagd.

Der Actioner ROAD RAGE im Test!

Auf Basis der Unreal Engine 4 sieht ROAD RAGE ordentlich aus. Der eigene Fuhrpark ist detailliert, die Charaktere auch. Trotzdem gibt’s technisch noch ein paar Problemchen. Fährt man voll Möhre gegen ein Hindernis explodiert das Motorrad und der Fahrer verabschiedet sich mit Salto und Rolle – was wieder unfreiwillig komisch aussieht. Und eher an abstrakte Kunst erinnert. Übrigens fliegen in ROAD RAGE nicht nur die Cops tief – es fallen auch immer mal wieder Autos vom Himmel, wenn man besonders flott über die innerstädtischen Straßen ballert. Mit dieser “Physik” nimmt man es in der Welt der Motorrad-Schläger mit Undercut eben nicht so genau.

Pro / Con
  • Eine ansehnliche Großstadt
  • Angenehm rockiger Soundtrack
  • Verschiedene Motorräder, Waffen und Fahrer
  • Träges Fahrverhalten
  • Technische Probleme
  • Keine grafischen Optionen einstellbar
  • Verbesserungen ohne spürbaren Effekt
Fazit
Vorhin hab ich kurz abstrakte Kunst erwähnt: Also - ist ROAD RAGE Kunst, oder kann das weg? Sagen wir mal so: ROAD RAGE ist das beste, was die Team6 Game Studios in 16 Jahren zustande gebracht haben. Aber von einem guten Spiel ist es immer noch ein paar Baseballschläger-Längen entfernt. Der Ansatz ist gar nicht verkehrt, aber die Umsetzung hat so ihre Problemchen. Und das dummerweise schon am elementarsten Punkt für Rennspiele: Dem Fahrgefühl. Das schwankt irgendwo zwischen Bobbycar und landwirtschaftlichem Simulator… Und da helfen auch keine Brecheisen oder Kettensägen. - TA
Rating
5/10