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Ich will doch nur spieln

#3: Die Welt auf einer Scheibe

Mittlerweile ist es wieder ein halbes Jahr her, dass mein Sohn und ich einen Spieleabend auf dem Autoteppich verbracht haben. Horizontal, mit geschlossenen Augen und (möglicherweise) schnarchend. Einen Abend, den ich eigentlich damit verbringen wollte, Quantum Break zu spielen. Und im besten Fall durchzuspielen. Deshalb schnell noch die frohe Kunde: Ich habe es in den vergangenen sechs Monaten tatsächlich geschafft, die Zeit zu retten! Ganz ganz ehrlich! Ich bin ja wirklich schon ein kleines bisschen stolz auf mich. Auch wenn mir vor zehn Jahren zwei Tage wohl genügt hätten. Oder eine Nacht.

Was solls, Zeiten ändern sich. Was sich aber nicht geändert hat ist die Farbe vor meinem Fenster: Grün. Nicht jetzt aktuell im Winter – da ist es eher ein fließender Verlauf von Grau zu Braun mit etwas Weiss. Aber im Frühling und Sommer dominiert die blühende und grünende Fauna – versteckt zwischen Hügeln und Wäldern im tiefsten Bergischen Land ist das auch kein Wunder. Vor zehn Jahren war es noch das üppige Grün meiner Sauerländer Heimat. Aber ein Baum bleibt ein Baum bleibt ein Baum. Und ganz ehrlich: Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Gras &
Faser

Es hat Vorteile, genau da zu wohnen, wo sich Fuchs und Hase “Gute Nacht” sagen und Schneewittchen mit den sieben Bärtigen nur zwei Hügel weiter links wohnt: Es läuft sich einfach angenehmer über Waldboden als über vielbefahrenen Asphalt – egal ob mit Straßen- oder Laufschuhen, mit oder ohne Kinderwagen. Und Nachts kann man hier irgendwo im nirgendwo die vorbeifahrenden Autos tatsächlich noch an – sage und schreibe – einer Hand abzählen. Wenn – ja wenn das Wörtchen “wenn” nicht wäre – und die Korrelation aus Baby-Phone und durstigem Kleinkind. Da gleichen sich die Autos wieder aus.

Es hat aber auch einen eindeutigen und deutlichen Nachteil, das Landleben mit all seinem Grün und seiner Ruhe genießen zu dürfen: Glasfaserkabel ist hier ein Fremdwort. Ein Glas? Steht im Küchenschrank. Fasern? Gibt es ganz viele grüne im Wald. Und Kabel? Gibt’s auch – versorgen hier im ländlichen Idyll die Häuser oberirdisch mit Strom. Immerhin: Es gibt Strom. Und sogar fließend Wasser! Aber Glasfaserkabel? Nein. Die Antwort des netten Telekom-Mitarbeiters auf die Internet-Frage damals war bezeichnend: “Internet? Existiert da tatsächlich… Aber mehr auch nicht.”.

Nix durch
sechs

Ich hab’s ja schon mal erwähnt – Frau, Kind und ich wohnen in einem Haus mit sechs Parteien. Und das Haus verfügt über eine (unfassbar umwerfend schnelle) 3.500er-Leitung – zumindest theoretisch. Praktisch sieht das noch etwas anders aus… Und damit sich niemand beschweren kann, wird die (theoretische) 3.500er-Leitung durch sechs Parteien geteilt. Und übrig bleibt – ganz richtig – nix. Na gut, so gut wie nix. Wenn es mal so richtig läuft, dann kommt Steam hier auf eine maximale Download-Geschwindigkeit von sage und schreibe 280 KB/s. Aber nur wenn die Sonne scheint. Und der Wind von oben rechts weht. Das Wörtchen “Streaming” kennt hier folglich auch niemand.

Summa summarum macht es auch keinen Spaß, Spiele mit einer Größe über einem Gigabyte – oder einfach nur Updates – herunterzuladen. Und die lieben Publisher machen mir da mittlerweile auch immer mehr einen Strich durch die Rechnung – und genau darum geht es hier. Aber nicht darum, dass ich auf dem Gro der Publisher herumhacken möchte. Ich möchte mich bedanken. Dafür, dass es auch heute – zu Zeiten des großflächigen allumfassenden (bla bla bla) High-Speed-Internet-Ausbaus Publisher auf die Idee kommen, die Welt auf einer Scheibe unterzubringen. Oder auch auf ein paar Scheiben mehr.

Qual der
Wahl

Kürzlich war ich samt Familie im hiesigen Elektrofachmarkt-der-heißt-wie-ein-Planet unterwegs, und hatte von meiner Frau die Freigabe, etwas Geld in ein neues Spiel zu investieren. Schließlich durfte sie ja auch bei einem Schminke-und-Schmuck-Abend zuschlagen. Samt kleinem Mann stand ich vorm Regal der (nicht mehr ganz taufrischen) Neuerscheinungen mit einem Trio in der engeren Auswahl: The Evil Within 2, Wolfenstein II: The New Colossus und Assassin’s Creed: Origins. Durch 1-jährige Kleinkind-Augen war das Cover von Wolfenstein scheints am ansprechendsten – und ich hätte mich auch gerne mit dem kleinen Mann drauf geeinigt.

Aber die Verpackungen von Bethesda sind verdächtig leicht. Handbücher in gedruckter Form gibt es ja schon seit Jahren nicht mehr (natürlich im Sinne des Umweltschutzes – nicht wegen der Kostenersparnis!), das war nicht der Grund. Das hüpfende Komma ist ein reichlich kleiner Satz auf der Rückseite unter den Systemanforderungen. Da steht: “Enthält eine einzelne Disc. Herunterladen zusätzlicher Dateien von Steam erforderlich, um das Spiel zu starten.”. Also eine kleine Milchmädchenrechnung: Auf der enthaltenen DVD stecken etwas mehr als 7 Gigabyte, Wolfenstein II ist aber schlappe 55 Gigabyte groß. Da fehlen also nur 48 Gigabyte zum aktiven Widerstandskämpfer.

Laden, laden,
und laden,…

Ein Gigabyte heimisch herunterzuladen dauert pi mal Daumen 75 Minuten – je nach Geschwindigkeit, Windrichtung und Server. 48 zusätzliche Gigabyte dauern also 3.600 Minuten. Und das entspricht – Trommelwirbel und Tusch! – ganz genau 60 Stunden! Mit der Installation wäre ich also endlos viel länger beschäftigt, als ich tatsächlich Spaß mit BJ und Konsorten hätte. Und das tue ich mir nicht an. Bei The Evil Within 2 wären es (nur) zusätzliche 33 Gigabyte gewesen, aber auch so viel Langeweile habe ich nicht. Da wird man (also ich) schon mal etwas nostalgisch: Was waren die Zeiten schön, als Spiele noch komplett in den Verpackungen steckten…

Schlussendlich haben der kleine Mann und ich uns auf Assassin’s Creed: Origins geeinigt. Warum? Weil es ein echt gutes Spiel ist! Und weil in der DVD-Box sage und schreibe 5 Datenträger versteckt sind, die doch tatsächlich 44 der benötigten 45 Gigabyte des virtuellen Ägypten auf die Festplatte schaufeln. Nach 60 Minuten Installation habe ich die übrigen 75 Minuten Download-Zeit für die fehlenden 1.000 MB nur allzu gerne investiert. Die zusätzlichen Tage, die mir zu 55 Gigabyte gefehlt hätten, habe ich im Wüstensand verbracht. Die, und noch ein paar mehr. Aber ich wollte mich ja bedanken:

“Danke Ubisoft, dass ihr noch ein Herz für PC-Spieler mit quasi nicht existenter Internetverbindung habt! Ich hab euch lieb.”

Pro / Con
  • Ein neues Spiel für Papa
  • Assassin's Creed: Origins
  • 5 DVDs in einer Verpackung
  • "Dankeschön!" an Ubisoft
  • Was ist ein Glasfaserkabel?
  • Was ist Streaming?
  • Keine freie LTE-Erweiterung